DER FUSS Kolumne: Wohin entwickelt sich die Podologie?

Grafik: C. Maurer Fachmedien

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Vor zwei Wochen hatte ich eine neue Patientin. Wie immer begann ich das Kennenlernen mit dem Standardsatz: „Was führt Sie zu mir?“ Sie machte es sich bequem und meinte: „Ich habe im Internet alles über Sie gelesen und jetzt habe ich Sie gebucht. Ich möchte, dass Sie mich mit Ihrem Fachwissen über meine Füße überraschen – ich verrate nichts und Sie erzählen! Und bitte, machen Sie nichts an meinen Nägeln, das kann ich gar nicht leiden.“

Wie bitte? Eine bizarre Eröffnung. Normalerweise spricht man miteinander, stellt Fragen, erzählt – und „überrascht“ sich nicht aus dem Nichts. Und Handgriffe sollten auch möglich sein, sofern es notwendig ist.

Weil ich diese Zirkuspferd-Nummer befremdlich fand, habe ich – etwas überrumpelt – mit der Beschreibung dessen begonnen, was ich sehen konnte. Sie hat Psoriasis mit einem diffusen freien Nagelrand, zu rund und zu tief geschnittene Nägel und eine Tendenz zum Pterygium. Schöne Fachwörter, die die Situation ein bisschen befeuerten. Als ich am Nagel Auffälligkeiten gezeigt habe und demonstrieren wollte, wie eine bessere Schnitttechnik aussehen müsste (ich durfte ja nicht schneiden), war es etwas unpraktisch. Aber gut, Beratung ist auch eine Dienstleistung.

Nach etwas Hautbearbeitung an der Ferse und vielen Fragen zum Berufsbild, unseren Praxis-Qualifikationen sowie zur „Prognose“ ihrer Füße war die Behandlung beendet. Und ich blieb zurück mit offenen Fragen: Werden unsere Patient*innen mit den steigenden Preisen immer anspruchsvoller – und erwarten ein Feuerwerk an Fußerkenntnissen?

Gehört, wer sich Podologie „leisten“ kann, bald zu einer … versnobten Gesellschaftsschicht? Was ist mit den Notfällen, die ich dann nicht versorgen kann? Und wie gehe ich mit dem Gefühl um, vorgeführt zu werden? Hätte es dazu klärender Worte bedurft? Ich habe die Gedanken (bisher) für mich behalten; wir werden uns aber wiedersehen.

Für die leistungsgerechte Vergütung von podologischen Kenntnissen und Behandlungen wurde jahrelang hart gekämpft. Dass wir davon nicht aus falsch verstandener Solidarität mit den Patienten*innen abweichen, sind wir uns selbst und unseren Kolleg*innen schuldig. Der vermeintlich hohe Preis zieht aber zukünftig wohlhabendere, anspruchsvollere Menschen an, nicht bedürftigere – und schließt arme und vulnerable Gruppen aus.

Wir sind ein Nebenschauplatz sozialer Determinanten: Je wohlhabender, desto gesundheitsbewusster und gesünder sind Menschen. Sie investieren gerne in Selbstzahler-/IGeL-Leistungen. Wer freut sich nicht über zahlungskräftige Patient*innen? Chancen-Ungleichheit ist eine gesellschaftspolitische Tatsache, die wir nicht lösen können. Aber im Hinterkopf behalten sollten, wenn wir über die Zukunft der Podologie nachdenken.

Meine Erkenntnis ist: Jeder hat den gleichen Fachstandard verdient. Das, was ich zu den Füßen, zur Vorsorge, zur Pflege und Gesunderhaltung sagen kann, sage ich. Was ich tun oder veranlassen muss, tue ich. Darüber hinaus lasse ich mich nicht irritieren. Für Show und Entertainment oder gar Wunderheilungen bin ich nicht zuständig.

Wenn die Voraussetzungen schon nicht gleich sind, kann ich in meinem Rahmen für Gleichheit sorgen und sowohl meinen Gerechtigkeitssinn und meine therapeutische Ader als auch meinen Selbstwert befriedigen.
Auf die weiteren Termine bin ich jedenfalls sehr gespannt!

 

Ihre Anja Stoffel

 

Foto: Anja Stoffel/www.podovision.de

Über die Autorin

Anja Stoffel, Podologin B.Sc. und Physiotherapeutin, ist am liebsten in verschiedenen Settings im Auftrag der Therapieberufe unterwegs. Als Fachbereichsleitung für den Bildungsanbieter maxQ. begleitet sie den Nachwuchs, das Wissensmanagement und die Vernetzung der Standorte. Auf www.podovision.de bietet sie digitale Fortbildungen zu praxisrelevanten Themen unter dem Motto „Kopfsachen für Fußmenschen" an. Besonders am Herzen liegt ihr die nachhaltige Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Podologie-dem schönsten Beruf der Welt!