DER FUSS Kolumne: Gemeinsam wachsen

Grafik: C. Maurer Fachmedien

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Kürzlich kam unter Kolleginnen und Kollegen die Diskussion auf, wie man mit Praktikanten verfährt und was diese verdienen oder bekommen sollen. Die Antworten sind sehr unterschiedlich ausgefallen und haben mich zum Teil entsetzt.

Heute scheint es häufig so zu sein, dass Praktikantinnen und Praktikanten mit zum Umsatz beitragen. Sie kommen in die Praxis und finden dort einen vollen Terminkalender vor, den sie abarbeiten sollen. Das entspricht nicht meinem Verständnis von fachgerechter Ausbildung.
Praktikantinnen und Praktikanten müssen geführt werden: Sie sollen erst einmal die Regeln, die Abläufe und uns kennenlernen, auch ich möchte die Personen kennenlernen.

Als Erstes werden sie in unsere Hygiene eingeführt. Der Hygieneplan wird Punkt für Punkt erklärt und dann unterschrieben. Genau so werden sie auch mit unseren Praxisstandards und praxisinternen Abkürzungen vertraut gemacht.

Die ersten Tage wird in der Regel nur zugeschaut – und oft genug bleiben dabei die Münder offenstehen. Denn wir haben nur pathologische Füße, oft mit tiefen Wunden. Und solche Füße bekommt man in den Schulen nur selten bis gar nicht zu sehen.

Anschließend werden die Befunde besprochen und die Fragen der Praktikantin oder des Praktikanten miteinbezogen. Wie kann es zu diesem Befund kommen? Wo genau ist er positioniert? Welche Hilfsmittel stehen zur Versorgung oder Behandlung zur Verfügung? Was muss zur Vermeidung getan werden? – Von Fragen wie diesen profitieren beide Seiten. So erfahre ich etwas über den Kenntnisstand meines Gegenübers und die Praktikantin oder der Praktikant lernt etwas dazu. Ebenso verhält es sich mit der Behandlung. Wir stehen daneben, schauen zu und korrigieren, falls nötig.

Neben Dingen wie Orthonyxie, Orthose oder Prothetik sollte auch die Administration vermittelt werden. In meiner Praxis lege ich dabei besonderes Augenmerk auf das Prüfen der Heilmittelverordnungen, das korrekte Ausfüllen der HMV sowie der Patientenfragebögen. Ebenso erlernen sie den Umgang mit unserer Praxissoftware und das Anlegen der elektronischen Patientenakte. Das sind Dinge, die man an keiner Schule erlernen kann, deshalb ist es wichtig, genau diese Sachen auch einmal kennengelernt zu haben.

Allerdings höre ich auch immer wieder, dass es in vielen Praxen anders abläuft: Entweder dürfen sie sechs Wochen lang „Kaffee kochen“ oder stehen nur daneben. Etwas fragen oder sagen? Unerwünscht. Dabei sollte doch jedem klar sein, dass niemand ohne die 720 Praxisstunden zum Examen zugelassen wird. Auch das – so dringend benötigte – gute Fachpersonal bekommen wir nur, wenn auch die Ausbildung stimmt. Vielleicht sollte man die Bezeichnung „Praktikant*in“ überarbeiten? PiP (Podologe im Praktikum) oder ToJ (Training of Job) wäre doch was?

Alle stöhnen über den Fachkräftemangel, also sollten wir die Chance nutzen und unsere Praxen so attraktiv machen, dass eine oder ein PiP auch bei uns arbeiten möchte.
Wenn der Kalender gleich im ersten Praktikum vollgemacht wird und man gleich auch noch allein auf Hausbesuch geschickt wird, muss man sich nicht wundern, dass sich viele nach der Ausbildung lieber selbstständig machen.

Dadurch, dass das Angebot an Praktikumsstellen so hoch ist, haben die PiP die Möglichkeit zu wechseln. Ich hatte zum Beispiel einen PiP, der gewechselt hat, weil er die hygienischen Zustände nicht mit seinem Gewissen vereinbaren konnte. Als ich meine Ausbildung gemacht habe, hat man kaum einen Platz bekommen, um seine erforderlichen Stunden leisten zu können. Auch das Konkurrenzdenken war sehr hoch.

Ungeachtet der Umstände sind die Praxisstunden aber unerlässlich für die Ausbildung und das Berufsleben. Nur im podologischen Praktikum kann die oder der PiP sehen, ob sie oder er den täglichen Ansprüchen gewachsen ist. In unserem Beruf ist zudem Psychohygiene sehr wichtig – auch das sollten schon PiP lernen.

Selbstverständlich kosten all diese Dinge Zeit. Zeit, die ich gerne aufbringe, um einen Menschen zu schulen, der wiederum andere Menschen glücklich macht.

In diesem Sinne,
Glückauf!
Beate Eickmann

 

Foto: Beate Eickmann

Über die Autorin

Beate Eickmann, ist seit 2011 mit ihrer podologischen Praxis selbstständig. Seit 2015 Heilpraktikerin (Podologie) und seit 2016 Gutachterin im Sozial- und Gesundheitswesen, Bereich Podologie.