DER FUSS Kolumne: Berührt Podologie die Seele?

Grafik: C. Maurer Fachmedien

Haben Sie sich auch schon oft gefragt, warum eigentlich die Hemmschwelle unserer Patienten gemeinsam mit den Strümpfen fällt? Ob Prostata- oder Eheprobleme, Weltanschauungen und Kochrezepte – kein Thema ist tabu. Wir Podologen schwanken regelmäßig zwischen Irritation und Stolz, so intim ins Vertrauen gezogen zu werden.

Klarer Fall – es muss an unserer Arbeit mit den Füßen liegen! Füße gut, alles gut, heißt es nicht so? Die Füße sind bekanntlich das Körperteil mit den meisten Nerven, eigentlich das wichtigste Körperteil überhaupt – somit ist es kein Wunder, dass unsere liebevolle Behandlung direkt ins Herz trifft.

Sind wir also ein Volk PSA-maskierter Magier und Feen, die Wunder an den Füßen vollbringen und dort direkt das Tor zur Seele gefunden haben? Alles Quatsch, denke ich mir im Stillen.

Der Mund hat doch viel mehr Nerven, der Zahnarzt berührt aber eher selten meine Seele, und ein Gehirn besteht sogar ausschließlich aus Nervenzellen – bis zu 100 Milliarden sollen es sein. Und wenn ich wählen müsste, würde ich lieber auf meine Füße verzichten als auf meinen Kopf.

Insgeheim beurteile ich die Situation anders: Unsere Patienten haben schlicht und ergreifend zu viel Zeit auf dem Stuhl. Wir fordern eher selten aktive Mitarbeit, Mitdenken und zielgerichtete Beteiligung ein. Stattdessen arbeiten wir, während „von oben“ die Pause genutzt wird, uns auf den neuesten Stand zu bringen.

Ja, unsere Behandlung ist mechanisch-passiv, und Podologie ist in der Regel eine Dauertherapie. Ein Austherapieren und selbstständig werden im Sinne von „gesund entlassen“ ist nicht vorgesehen. Warum sich also die Mühe machen, die Patienten zur Eigeninitiative zu erziehen, wenn es doch ohnehin auf eine Beziehung mit klarer Rollenverteilung auf Lebenszeit hinausläuft? Und, Hand aufs Herz: besteht bei Patienten, die zur eigenen Hornhaut- und Nagelpflege angeleitet werden, nicht sogar die Gefahr der Selbstverstümmelung? Sollten die Patienten nicht lieber ganz „die Finger weglassen“?

Es gibt eine weitere Ausnahme vom „Hands-off“ Paradigmenwechsel in den Therapieberufen: Masseure/medizinische Bademeister haben eine ähnlich ausgerichtete Handwerksbetonung und Passivität der Anwendungen. Mir fällt direkt der Zusammenhang zwischen der gleich kurzen Ausbildungsdauer von 3000 Stunden ins Auge. Podologen und Masseure, beides Nischen, oder, fies formuliert: Schmalspur-Therapeuten in einer Entwicklungssackgasse?
Ich wünsche mir Patienten, die selbst Verantwortung für die Gesunderhaltung ihrer Füße tragen können. Gerade weil Podologen = Therapeuten ihnen eine Mitarbeit zutrauen und zumuten. Dieses „Rollenspiel“ gewährleistet die Versorgung über die Therapie hinaus, erfordert aber andere Kompetenzen als „nur“ handwerkliches Geschick am Fuß.

Pflegerische Dauer-Dienstleistung (medizinische Fußpflege, getarnt als Therapie) oder partizipative Behandlung auf Augenhöhe – Wohin sollte die Podologie der Zukunft sich entwickeln?

Ich freue mich, wenn Sie an mich und über diese Fragen nachdenken, wenn Ihnen wieder einmal „Füße von oben angereicht werden“.

Bleiben Sie gesund!
Ihre Anja Stoffel

Foto: Anja Stoffel/www.podovision.de

Über die Autorin

Anja Stoffel, Podologin B.Sc. und Physiotherapeutin, ist am liebsten in verschiedenen Settings im Auftrag der Therapieberufe unterwegs. Als Fachbereichsleitung für den Bildungsanbieter maxQ. begleitet sie den Nachwuchs, das Wissensmanagement und die Vernetzung der Standorte. Auf www.podovision.de bietet sie digitale Fortbildungen zu praxisrelevanten Themen unter dem Motto „Kopfsachen für Fußmenschen" an. Besonders am Herzen liegt ihr die nachhaltige Zusammenarbeit aller Beteiligten in der Podologie – dem schönsten Beruf der Welt!