Der eigene Chef sein – Selbstständigkeit und Podologie

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Das Thema Selbstständigkeit spielt in den verschiedenen Therapieberufen eine unterschiedlich große Rolle. Mit ihren vielen Selbstständigen sticht besonders die Podologie hervor.

Podologinnen und Podologen sind im Vergleich zu anderen Therapieberufen äußerst gründungsfreudig. Grund hierfür sei unter anderem das Alter, in dem sie in den Beruf einsteigen, sagt Anja Stoffel, Podologin B.Sc. und Physiotherapeutin. Angehende Podologinnen und Podologen entscheiden sich erst spät für die Ausbildung; viele haben zuvor bereits mehrere Jahre in einem anderen Beruf gearbeitet. „Je älter eine Person beim Abschluss der Ausbildung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich selbstständig macht. Ab dem 35. Lebensjahr ist ein Angestelltenverhältnis in der Podologie nach meiner Erfahrung eine Ausnahme.“

Anja Stoffel Foto: Anja Stoffel/ PodovisionHürden für junge Berufseinsteigerinnen und ­-einsteiger

Junge Auszubildende, die eher bereit sind, ein Anstellungsverhältnis einzugehen, seien – anders als etwa in der Ergo- oder Physiotherapie – derzeit in der Podologie in der Unterzahl. Das läge zum einen an Einstiegshürden wie fehlenden Podologie-Schulen im näheren Umfeld, den dort angebotenen Zeitmodellen für die Ausbildung sowie dem nicht unerheblichen Schulgeld, das in einigen Bundesländern erhoben wird, erklärt Podologe Bastian Priegelmeir. 

Junge Podologinnen und Podologen seien zudem oft schlicht nicht in der Lage, die hohen Investitionskosten für eine Praxisgründung zu tragen. „Dabei ist die Podologie als Berufsfeld äußerst attraktiv. Es gibt keinen Schichtdienst, keine Arbeit an Feiertagen und selbst mit Kassenzulassung ist es möglich, nebenberuflich in der Podologie tätig zu sein. Hinzu kommt die Anerkennung als Therapeut oder Therapeutin.“ Um mehr junge Auszubildende anzusprechen, müsse dringend an der Einstiegsproblematik und am Image der Podologie gearbeitet werden.

Die Gründe sind vielfältig

Warum ist aber die Selbstständigkeit – sei es nun die Gründung einer eigenen oder die Übernahme einer bestehenden Praxis – so attraktiv? Eine Rolle spielt dabei die Beschäftigungsstruktur innerhalb des Berufes selbst: Viele Podologinnen und Podologen sind als Soloselbstständige tätig. Das heißt, ohne weitere Mitarbeitende zu beschäftigen. Und auch die Möglichkeiten der Anstellung zum Beispiel in einer Klinik, wie sie in der Physiotherapie verbreitet ist, sind in der Podologie aktuell begrenzt. Das legt die Entscheidung, sich selbstständig zu machen, nah. 

Beweggründe für die Entscheidung seien zudem häufig schlechte Erfahrungen als Angestellte in der Vergangenheit, sich aufbauende Spannungen mit der Praktikumsstelle während der praktischen Ausbildung, aber auch die Lebensumstände, erklärt Stoffel. So erlaubt eine selbstständige Tätigkeit oftmals eine flexiblere Zeiteinteilung und damit auch eine bessere Vereinbarkeit von Kindern und Karriere, als ein Anstellungsverhältnis. Viele Podologinnen und Podologen waren zudem vor ihrer Ausbildung bereits in der Fußpflege oder im Kosmetikbereich selbstständig.

Me, Myself & I: Viele Podologinnen und Podologen sind Einzelkämpfer

Offizielle Zahlen zur Selbstständigkeit in der Podologie existieren nicht. Stoffel schätzt aber, dass rund drei Viertel der ausgelernten Podologinnen und Podologen zwischen 35 und 40 Jahren eine eigene Praxis gründen. Viele direkt im Anschluss an die Ausbildung. „Es ist eine Herausforderung, sich gleich nach der Ausbildung selbstständig zu machen“, sagt Sindy Burow, Podologin mit Bachelor-Abschluss in Health Care Education. „Direkt nach dem Abschluss der Schule haben viele allein möglicherweise noch keine Abrechnung durchgeführt und auch bei den Behandlungen fehlt es oftmals an Routine.“ Sie empfiehlt ihren Schülerinnen und Schülern daher, erst Erfahrungen als Mitarbeitende in einer Praxis zu sammeln. „So kann man die Eigenständigkeit und das Selbstbewusstsein entwickeln, die für den Schritt in die Selbstständigkeit unerlässlich sind.“ 

Die Tendenz zur Soloselbstständigkeit sieht sie kritisch. „Statt viele ‚Einzelkämpferpraxen‘ zu gründen, sollten Erfahrungen und Stärken in größeren Gemeinschaftspraxen gebündelt werden, um eine gute Patientenversorgung zu gewährleisten“, sagt Burow. So könne man sich bei Schwierigkeiten austauschen und auch Therapeutenwechsel ließen sich leichter vollziehen, ohne dass die Patientin oder der Patient die Praxis wechseln müsse. Zumal eine Soloselbstständigkeit – nicht nur in der Gründungszeit – ein hohes unternehmerisches Risiko bedeutet.

Sindy Burow Foto: podo deutschlandNicht zu unterschätzen: Anschaffungs- und Betriebskosten

Worauf sich Podologinnen und Podologen einstellen müssen, die eine eigene Praxis gründen wollen, seien in jedem Fall die hohen Anschaffungskosten. „Sicherlich hat das Praxisinventar bei guter Pflege eine hohe ‚Lebensdauer‘, aber bei der Erstanschaffung sind die Kosten nicht zu unterschätzen“, berichtet Burow. Dazu gehören Behandlungseinheit(en), eine Hygienestrecke, Instrumente sowie notwendige Umbauten der Praxisräume. Auch mit dem Thema Digitalisierung sollten sich Gründerinnen und Gründer – angesichts der zunehmenden Vernetzung des Gesundheitswesens – bereits von Beginn an befassen. „Den Blick in die Zukunft zu richten, ist unerlässlich.“ Vergessen dürfe man zudem nicht, dass nach der Eröffnung der Praxis mit Kassenzulassung ein langer Zeitraum überbrückt werden müsse, in welchem kein oder nur wenig Geld verdient wird. Schließlich müssen die ersten Verordnungen erst einmal abgearbeitet und abgerechnet werden. 

Alles in allem müsse man mit einer Investitionssumme von rund 50.000 Euro rechnen, weiß Podologe Bastian Priegelmeir. Neben den anfänglichen Investitionskosten sind aber auch die laufenden Betriebskosten etwa für Wartung und Instandhaltung von Gerätschaften zu bedenken. „Unerlässlich ist darum ein ausgearbeiteter Businessplan und der enge Kontakt zu einer guten Steuerberaterin oder einem guten Steuerberater.“

Volle Kassen statt volle Terminbücher

Schon bei der Unternehmensgründung sei für viele Praxisinhaberinnen und -inhaber die betriebswirtschaftliche Kalkulation eine Hürde. „Man benötigt einen guten Businessplan. Aber nicht nur, um die Bank zu überzeugen. Wichtig ist es auch, sich in Ein-, Zwei-, Drei-Jahresschritten an eben jenem Businessplan zu messen und abzugleichen“, sagt Anja Stoffel. „Nur so kann man sich und sein Unternehmen weiterentwickeln.“

Eine Herausforderung für viele selbstständige Podologinnen und Podologen sei darüber hinaus die Kalkulation ihrer Leistung, erklärt sie weiter. „Den Kolleginnen und Kollegen fällt es oft schwer, einen angemessenen Preis für ihre Arbeit einzufordern.“ Hier würde vor allem die enge Bindung zu oftmals langjährigen Patientinnen und Patienten verhindern, dass angemessene Preise gefordert werden. Was wiederum dazu führt, dass sich Praxen trotz voller Terminbücher, wirtschaftlich nicht lohnen und Praxisinhaberinnen und -inhaber darauf verzichten, neue Mitarbeitende einzustellen.

Bewusst abgrenzen: Selbst und ständig ist keine Dauerlösung

Abseits finanzieller und betriebswirtschaftlicher Themen würden Selbstständige – allen voran die Podologinnen – häufig ein Problem damit haben, sich von ihrem Beruf abzugrenzen, sagt Anja Stoffel. Sich an sieben Tagen die Woche 24 Stunden am Tag mit der Praxis und den Patientinnen und Patienten zu beschäftigen, macht aber auf Dauer krank. 

Im hektischen Praxisalltag würden vor allem die vielen Details, die beachtet werden müssen, zu einer Überforderung führen. „Es müssen Verordnungen kontrolliert und Patienten koordiniert werden, gleichzeitig muss darauf geachtet werden, dass die Zeiten eingehalten werden. Zwischenzeitlich geht man dann noch schnell ans Telefon und abends muss die Praxis geputzt werden“, führt Stoffel aus. „Um sich trotzdem bewusst abzugrenzen und abzuschalten, ist eine gewisse Routine erforderlich. Es muss von Beginn an strukturiert vorgeplant werden.“ Wem dies nicht gelänge, würde schnell in einen Zustand der Entgrenzung kommen. „Und das schadet nicht nur der Praxis, sondern ist langfristig auch schädlich für die eigene Gesundheit.“

Bastian Priegelmeir Foto: podo deutschlandMehr als Finanzen

Wichtig sei es darüber hinaus, zu erkennen, dass unternehmerisches Handeln nicht damit endet, die Praxis zu eröffnen, und Betriebswirtschaft mehr bedeutet als finanzwirtschaftliche Fragen zu erörtern, sagt Bastian Priegelmeir. „Entscheidend ist von Anfang an eine klare Abgrenzung hin zur Fußpflege und ein entsprechendes Marketing. Dazu gehört ein geschütztes Logo, das auch auf jedem Therapiebericht erscheinen sollte, und eine konsequente Nutzung des Begriffs Podologie.“ 

Auch aktiv bekannt machen müsse man sich. „Nicht nur bei den Patientinnen und Patienten mit Flyern, einer ansprechenden Website und Außenwerbung, sondern auch bei Ärzten, Apotheken und Orthopädieschuhmachern vor Ort.“ Wichtig sei dabei auch die Art und Weise, wie der Beruf und das Tätigkeitsfeld dargestellt werden. Priegelmeir rät, die Prävention in den Vordergrund zu stellen. „Wir sind schließlich Fachfrauen und -männer für Fußgesundheit und das sollten wir auch so kommunizieren.“

Eine bedeutende Rolle spiele auch die Lage der Praxisräume. „Für Selbstständige – vor allem diejenigen mit Kindern – scheint es oft eine naheliegende Entscheidung zu sein, die Praxis in der Nähe des Wohnortes zu eröffnen. Das ist aber in den meisten Fällen nicht ratsam. Auch wenn podologische Behandlungen gefragter sind denn je, ist die Lage einer Praxis doch entscheidend für ihren Erfolg“, erklärt Priegelmeir. Ebenso wichtig sei es, frühzeitig damit zu beginnen, den Wettbewerb zu beobachten. Idealerweise vor Erstellung des Businessplans.

Unternehmerisches Handeln als Schulfach?

Die Ausbildung bereitet Gründerinnen und Gründer, in der Podologie wie auch in allen anderen Therapieberufen, nicht auf eine selbstständige Tätigkeit vor. „Betriebswirtschaftliche Grundlagen sind nicht Bestandteil der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung“, erklärt Sindy Burow. Eine dementsprechende Änderung wird schon seit längerer Zeit von Podologinnen und Podologen gefordert. Hier, gibt Burow zu bedenken, müsse jedoch der Zeitfaktor bedacht werden. In der zweijährigen Vollzeitausbildung beispielsweise sei schon jetzt kaum Zeit, die bislang geforderten Inhalte zu vermitteln.

Davon abgesehen dürfe ein Schulfach, das unternehmerisches Handeln und betriebswirtschaftliche Grundlagen vermittelt, auch nicht als Allheilmittel betrachtet werden, ergänzt Anja Stoffel. „Sicher würde es helfen, betriebswirtschaftliche Grundlagen in den Lehrplan aufzunehmen; eine entscheidende Rolle spielt aber immer auch die Persönlichkeitsstruktur.“ Nicht jede oder jeder sei ein Gründertyp. Sie plädiert daher dafür, auch an der Altersstruktur der Auszubildenden zu arbeiten. „Wir müssen den Beruf auch für jüngere Menschen attraktiv machen, die sich das Wissen, wie man eine langfristig wirtschaftlich erfolgreiche Praxis führt, zunächst in einem Angestelltenverhältnis aneignen, bevor sie in die Selbstständigkeit starten. Hier sind neue Konzepte vonnöten.“

 

Autor: Cornelia Meier
Nach einem Abstecher in die Öffentlichkeitsarbeit leitet die gebürtige Augsburgerin seit Juli 2021 die Redaktion des Fachmagazins DER FUSS.
Cornelia Meier
Redakteurin
DER FUSS