Viele Selbstständige in der Podologie haben ein Zeitproblem

Porträtfoto Simeon Ruck
Simeon Ruck ist Geschäftsführer der Hellmut Ruck GmbH. Seit 11 Jahren ist der Diplom-Betriebswirt darüber hinaus als Dozent der Ruck Akademie tätig. Foto: HELLMUT RUCK GmbH

DER FUSS hat mit Simeon Ruck, Geschäftsführer der Hellmut Ruck GmbH und Dozent an der Ruck Akademie, über die Themen Existenzgründung und Selbstständigkeit in der Podologie gesprochen.

Herr Ruck, wie hat die Corona-Pandemie die Gründungssituation in der Podologie beeinflusst?
Simeon Ruck: Es ist grundsätzlich attraktiver geworden, in der Podologie tätig zu sein. Dazu hat auch die Corona-Situation beigetragen. Denn sie hat die Bedeutsamkeit des Berufsbildes im medizinischen Umfeld noch einmal klar herausgestellt. Hinzu kommen die neu verhandelten GKV-Sätze bei der Krankenkassenabrechnung. Zusätzlich steigert sich die Attraktivität, aufgrund des durchschnittlichen Bruttogehalts von 3.500 Euro für Neueinsteigerinnen und -einsteiger. Das kann sich sehen lassen und macht auch die Anstellung zu einer interessanten Option.

Wäre es für die Anerkennung des noch recht jungen Berufsstandes besser, wenn Podologinnen und Podologen – wie beispielsweise Physiotherapeuten – stärker interdisziplinär und in Großpraxen eingebunden wären, statt vorrangig in Einzelpraxen tätig zu sein?
Simeon Ruck: Definitiv. Wenn man die Anzahl der Podologen innerhalb von Ärztehäusern betrachtet, ist auch bereits eine deutliche Steigerung zu erkennen. In jedem Ärztehaus, das neu gebaut wird, ist neben Orthopädie, Dermatologie und Apotheken jetzt in der Regel auch eine Podologin beziehungsweise ein Podologe angesiedelt. Bauträger von Ärztehäusern haben diese Notwendigkeit mittlerweile erkannt. In Zukunft wird der Bereich noch weiter wachsen.

Existenzgründung heißt schließlich nicht zwingend, dass man sich komplett als Unternehmer selbstständig macht. Man kann sich auch als Teil eines Unternehmens selbstständig machen, zum Beispiel im Rahmen einer Praxisgemeinschaft. Leider herrscht bei vielen Podologinnen und Podologen häufig noch immer die Angst, dass man sich gegenseitig die Patientinnen und Patienten wegnimmt. Eine aus meiner Sicht unbegründete Furcht. Gerade Praxisgemeinschaften haben ein sehr großes Potenzial. Schließlich verschwinden Risikofaktoren wie beispielsweise ein Ausfall durch Krankheit. Außerdem gibt die Teilhaberschaft in einer Praxisgemeinschaft Podologinnen und Podologen die Chance, sich zu spezialisieren – die eine auf Orthonyxie-Behandlungen, der andere vielleicht auf die GKV-Grundversorgung des Diabetischen Fußsyndroms (DFS). Und Spezialisierung auf eine Fachdisziplin ist – auch in der Podologie – ein enormer Mehrwert: Der oder die Behandelnde wird effizienter und damit schneller, Equipment kann voll genutzt und effiziente Abläufe können entwickelt werden.

Als Dozent leiten Sie an der Ruck Akademie unter anderem den Kurs „Existenzgründung & Selbstständigkeit“. Wie wichtig sind diese Themen für angehende Podologinnen und Podologen?
Simeon Ruck: Die Relevanz dieser Themen ist mitunter nur sehr schwer zu vermitteln. Ich denke, wichtig ist es, hier herauszuarbeiten, dass Betriebswirtschaft mehr ist als die Auseinandersetzung mit finanzwirtschaftlichen Fragen und dem Steuerberaterbüro.

Welche weiteren Angebote bietet die Ruck Akademie für angehende Existenzgründerinnen und Existenzgründer?
Simeon Ruck: Wir fokussieren uns neben der reinen Podologie-Ausbildung auch darauf, die Podologie an sich effizienter zu machen. Das ist schon allein aufgrund des eklatanten Mangels an Fachkräften, die für die Versorgung der Diabetikerinnen und Diabetiker notwendig wären, zwingend erforderlich. Mit dem „Hygienemanager“ und dem „Praxismanager“ bieten wir unter anderem die Qualifikation in Assistenzberufen an, die die Podologin oder den Podologen in den Bereichen Praxismanagement, Kassenabrechnung, Koordination der Terminvergabe und Abdeckung des Empfangs sowie bei der Instrumenten- und Raumaufbereitung unterstützen. So kann sie oder er sich auf die professionelle Behandlung konzentrieren.

Denkbar werden so Modelle, bei denen die Podologin oder der Podologe in der Praxis im 20- beziehungsweise 35-Minutentakt allein die tatsächliche Behandlung  – sprich die Therapiezeit für Behandlung klein/groß laut GKV – übernimmt, während die Vor- und Nachbereitung durch qualifiziertes Personal erfolgt. So können ohne Qualitätseinbußen mehr Patientinnen und Patienten behandelt werden.

Sollten betriebswirtschaftliche Themen innerhalb der Therapeutenausbildung generell eine größere Rolle spielen?
Simeon Ruck: Das gesetzlich vorgeschriebene Curriculum sieht diese Themen leider nicht vor. Blickt man auf artverwandte Berufsbilder, ist es dort auch oftmals nicht so präsent, da zum Beispiel Physio- oder Ergotherapeuten häufig als Angestellte in größeren Praxen oder Kliniken tätig sind. 

Ganz anders die Podologie: Hier halte ich Betriebswirtschaft für absolut zielführend. Es sollten mindestens 50 Unterrichtseinheiten in die Ausbildung integriert werden, um die Grundlagen der Betriebswirtschaft abzudecken. Aus diesem Grund bietet die Ruck Akademie Schule für Podologie diese Themen für ihre Schülerinnen und Schüler auch als Zusatzmodul an.

Sie haben bereits viele Existenzgründungen begleitet. Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Herausforderungen für Selbstständige in der Podologie?
Simeon Ruck: Vielen fällt es schwer, konsequent und regelmäßig zu überprüfen, ob sie ihre Ziele auch erreicht haben. Dabei ist das ein zentraler Schritt, um sich und seine Praxis weiterzuentwickeln und zu optimieren. Idealerweise nutzt man hierfür einen Businessplan, in dem festgehalten ist, welche Ziele man wann erreicht haben will. Reflexion geht im Praxisalltag leider meist unter. Schnell ist man in Routinen gefangen, die verhindern, dass man sein Unternehmen aus der Vogelperspektive betrachtet und analysiert, wo die „Pain Points“ liegen. 

Wenn ich mir vorgenommen habe, 200 Patientinnen und Patienten zu behandeln, aber nach einem Jahr bereits von morgens bis abends beschäftigt bin und nur eine Patientenzahl von 150 erreicht habe, ist es falsch zu sagen „200, da habe ich ja viel zu hoch geschätzt“. Vielmehr sollte ich mich in diesem Fall auf die Suche nach den Ursachen begeben und herausfinden, warum ich derzeit nur 150 Patientinnen und Patienten behandeln kann.

Was sind die möglichen Ursachen?
Simeon Ruck: Ein häufiges Problem sind die Abläufe und Prozesse innerhalb der Praxis. Viele Podologinnen und Podologen führen zum Beispiel das Gespräch mit den Patientinnen und Patienten auch nach dem Ende der Behandlung weiter. Das bringt sie in Zeitnot. Viele planen daher für die 45-Minuten-Behandlung eine Stunde ein – so geht wertvolle Zeit verloren, die man für weitere Behandlungen hätte nutzen können. Oder als Freizeit. Wenn es im Dienstleistungsbereich darum geht, Geld zu verdienen oder aber zu verlieren, ist Zeit einer der wichtigsten Faktoren. Das darf man nie vergessen.

Zum Schluss: Was würden Sie angehenden Gründerinnen und Gründern raten?
Simeon Ruck: Die allererste Frage, die man sich stellen sollte und die auch ich in meinem Kurs immer ganz zu Beginn stelle, ist: „Bin ich als Persönlichkeit selbstständig?“ Das ist die Kernfrage, die sich jede Gründerin und jeder Gründer stellen muss, noch bevor sie oder er die ersten Schritte geht. Gerade die Corona-Pandemie hat die Anforderungen noch einmal verschärft, dessen sollte man sich bewusst sein. 

Bin ich bereit, jeden – wirklich jeden – Morgen aufzustehen und mich mit Situationen wie Kurzarbeitsanträgen oder der Beantragung von Hilfsfonds auseinanderzusetzen? Bin ich bereit, das Risiko für mich und vielleicht auch meine Mitarbeitenden zu tragen? Schreckt man hier zurück, ist ein Angestelltenverhältnis wahrscheinlich die bessere Wahl.

Wichtig ist auch, dass man sich klarmacht, dass eine Existenzgründung in unserer Branche Zeit braucht. Das sage ich auch unseren Schülerinnen und Schülern immer wieder. Viele haben oft nur einen Eröffnungstermin im Kopf, auf den sie hinarbeiten. Dass man sich aber bis dahin und auch danach mit einer Vielzahl behördlicher Themen und Problemstellungen befassen muss, ist vielen nicht bewusst. Hier empfehle ich immer wieder: Macht euch einen Projektplan, der aus erreichbaren, klar definierten Bausteinen und Etappenzielen besteht. Viele vergessen zudem, dass man sich für eine erfolgreiche Gründung nicht nur auf die eigene Praxis konzentrieren darf, sondern sich auch intensiv mit dem Wettbewerb auseinandersetzen muss. 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ruck.

 

Autor: Cornelia Meier
Nach einem Abstecher in die Öffentlichkeitsarbeit leitet die gebürtige Augsburgerin seit Juli 2021 die Redaktion des Fachmagazins DER FUSS.
Cornelia Meier
Redakteurin
DER FUSS