100 Jahre Insulin – ein Meilenstein der Medizin

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2021 jährt sich zum hundertsten Mal ein zentrales Ereignis der Medizingeschichte: Am 27. Juli 1921 gelang dem Mediziner Frederick Banting und dem Biochemiker Charles Best erstmals die Isolierung von Insulin aus der Bauchspeicheldrüse von Hunden. Sie legten damit den Grundstein für die erste wirksame Behandlung des Diabetes mellitus.

Obwohl die Symptome des Diabetes seit der Antike bekannt waren, stellte der Typ-1-Diabetes (der damals noch nicht so genannt wurde) noch vor hundert Jahren eine tödlich verlaufende Krankheit dar, denn es gab kaum Behandlungsmöglichkeiten. Durch stark kohlenhydratreduzierte Ernährung konnten die Erkrankten ein oder zwei Jahre überleben, bevor sie dann abgemagert ins diabetische Koma fielen und verstarben. Doch dank der Leistung der kanadischen Forscher gab es plötzlich Hoffnung.

Erste wirksame Therapie für Typ-1-Diabetes

Aufbauend auf ihren Erfolgen bei der Insulinisolierung injizierten Banting und Best am 30. Juli 1921 einem pankreatektomierten Hund als erstem Lebewesen Insulin und konnten damit eine Blutzuckersenkung von 40 Prozent erreichen. Sie entwickelten ihre Entdeckung weiter und testeten verschiedene Extraktionsmöglichkeiten und Aufbereitungsformen für das neu entdeckte Hormon.

Trotz einiger Rückschläge gelang ihnen einige Monate später ein weiterer entscheidender Durchbruch: Am 23. Januar 1922 injizierten sie dem 13-jährigen Leonard Thompson tierisches Insulin und konnten so seine gefährlich hohen Blutzuckerwerte senken. Schon nach wenigen Tagen erholte sich der vorher lebensbedrohlich erkrankte Junge, der noch 13 Jahre mit dem Insulin lebte, bevor er 1935 an einer Lungenentzündung verstarb. Weitere Patientinnen und Patienten folgten kurz darauf, die ebenfalls erfolgreich behandelt werden konnten, und so stand erstmals eine wirksame Therapie des Typ-1-Diabetes zur Verfügung.

Schnelle Weiterentwicklung

In den folgenden Jahren machte die Insulintherapie weiterhin große Fortschritte: Die Hilfsmittel für die Insulingabe entwickelten sich von der ersten speziell für die Insulininjektion entwickelten Spritze über „Autoinjektoren“ bis hin zu Pens und Insulinpumpen, die beide ab den 1980er Jahren für die allgemeine Verwendung zur Verfügung standen. Die Glukosemessung, zunächst nur beim Arzt möglich, wurde durch Urinzucker- und Blutzuckermessstreifen vereinfacht, auch wenn eine regelmäßige Blutzuckerselbstmessung zu Hause ebenfalls erst ab den 1980er Jahren Realität wurde.

Gleichzeitig veränderten sich auch die Insuline selbst: Zunächst wurde das Insulin aus gereinigten und aufbereiteten Schlachthausabfällen (vom Rind oder Schwein) hergestellt. Es gab zu diesem Zeitpunkt ausschließlich schnell wirksames Insulin. Über die Jahre wurden verschiedene Zusätze getestet, durch die dann auch langwirksame Basalinsuline möglich wurden. 1982 wurde dann das sogenannte Humaninsulin, das gentechnisch hergestellt wurde, erstmals eingeführt. Ab den 1990er Jahren kamen kurzwirksame Analoginsuline, ab 2000 auch langwirksame Analoginsuline hinzu. Durch Veränderung in der Abfolge einzelner Aminosäuren im Insulinmolekül werden bei diesen Insulinen die Wirkdauer und das Wirkprofil gegenüber dem natürlichen Insulin Normalinsulin gezielt verändert. Es gibt sowohl schnell wirkende Insulinanaloga als Bolus-Insulin als auch Analoga als Basis-Insulin.

Insulintherapie in Deutschland

In Deutschland sind die intensivierte Insulintherapie und die Insulinpumpentherapie bei Typ-1-Diabetes seit Jahrzehnten Standard. Neuere Entwicklungen gehen zum einen in Richtung einer künstlichen Bauchspeicheldrüse, dem sogenannten Closed Loop, bei der ein Algorithmus auf Basis der Glukosewerte aus einer kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) die Insulinabgabe der Pumpe steuert. Zum anderen wird an intelligenten Insulinen geforscht, die die Insulinabgabe aus dem Depot an der Injektionsstelle zuckerabhängig steuern. Diese sind aber noch Jahre von der Zulassung entfernt.

 

Quelle: diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe | Cornelia Meier