Sexuelle Belästigung und Gewalt: Pflege- und Betreuungspersonal ist häufig betroffen

Stoppschild und rote Ampel
Foto: RainerSturm/pixelio.de

Wie viele Beschäftigte in Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege haben bereits sexuelle Belästigung und Gewalt erlebt durch Menschen, die von ihnen beruflich betreut und gepflegt werden? Das hat eine aktuelle Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) untersucht.

Befragt wurden 901 Beschäftigte aus 60 Einrichtungen, zum Beispiel Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. Ziel war es, differenziertes Wissen zu erhalten über die Verbreitung sexueller Belästigung und Gewalt, die von Patienten und Patientinnen, Klienten und Klientinnen oder Bewohnern und Bewohnerinnen sowie deren Angehörigen ausgeht. Neben der Frage, wie oft diese vorkommt, stand auch die Frage im Mittelpunkt, was für Folgen das für die Beschäftigten hat.

Bei der Befragung wurden nonverbale, verbale und körperliche sexuelle Belästigung und Gewalt unterschieden. 62,5 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal nonverbale sexuelle Belästigung und Gewalt erlebt zu haben. 67,1 Prozent hatten verbale und 48,9 Prozent körperliche sexuelle Belästigung und Gewalt durch von ihnen gepflegte oder betreute Personen erlebt. Demnach ist die Betroffenenrate im Gesundheits- und Sozialwesen hoch.

Die Erfahrungen der Beschäftigten unterschieden sich je nach Branche erheblich. Pflegekräfte hatten besonders häufig verbale Belästigung erlebt, in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen kam nonverbale Belästigung häufiger vor als in anderen Branchen.

Auswirkung auf das psychische Befinden der Beschäftigten

Zudem zeigte die Studie statistisch bedeutsame Zusammenhänge zwischen dem Auftreten von sexueller Belästigung und Gewalt und dem psychischen Befinden der Befragten: Wenn Beschäftigte angaben, häufiger sexuelle Belästigung und Gewalt erlebt zu haben, berichteten sie auch vermehrt über Depressivität, emotionale Erschöpfung und psychosomatische Beschwerden.

Darüber hinaus wurde untersucht, wie bekannt verschiedene Konzepte und Unterstützungsangebote bezüglich sexueller Belästigung und Gewalt in den betrieblichen Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens sind. So möchte die BGW Aufschluss über die Nutzung von Präventions- und Nachsorgestrategien erhalten, um Betriebe im Gesundheits- und Arbeitsschutz besser unterstützen zu können.

Präventions- und Hilfsangebote oft nicht ausreichend bekannt

Nach betrieblichen Unterstützungsangeboten zur Prävention von sexueller Belästigung und Gewalt und zu Hilfe für Betroffene befragt, gaben 32,5 Prozent an, nichts über Maßnahmen ihres Arbeitgebers zu wissen. Ein wichtiger Ansatzpunkt, denn eine klare Haltung und Strategie im Unternehmen zu diesem Thema ist wichtig. Informieren Arbeitgeber über Präventions- und Hilfsmaßnahmen, signalisieren sie ihren Beschäftigten damit auch, dass diese sexuelle Belästigung und Gewalt nicht hinnehmen müssen.

Die BGW unterstützt Unternehmen im Gesundheitsdienst und in der Wohlfahrtspflege dabei, Übergriffen auf Beschäftigte bestmöglich vorzubeugen und sie darauf vorzubereiten, was nach einem Vorfall zu tun ist. Eine wichtige Rolle kommt Führungskräften zu, die beispielsweise in Seminaren für das Thema sensibilisiert werden und erfahren, wie sie ihre Beschäftigten schützen können.

Belästigung am Arbeitsplatz enttabuisieren

Um die Prävention von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz und die Hilfe für Betroffene zu verbessern, beteiligt sich die BGW am Projekt „make it work!“ des Bundesverbands Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff). Gemeinsam planen die Partnerinnen Aufklärungsaktivitäten, Seminare für Führungskräfte und weitere Projekte. „make it work!“ wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert.

Ziel des Projekts ist es, durch Öffentlichkeitsarbeit das Thema sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz weiter zu enttabuisieren und den Umbruch hin zu einer gewalt- und diskriminierungsfreieren Arbeitskultur mitzugestalten. Betroffene werden über ihre Rechte informiert und von den Beratungsstellen konkret unterstützt.

Im Rahmen einer gemeinsamen Online-Veranstaltung am 13. September 2021 stellt die BGW die aktuelle Studie vor und der bff informiert über seine Angebote für Betroffene und Betriebe. Auch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) beteiligt sich mit einem Grußwort von Referatsleiter André Große-Jäger.

 

Quelle: BGW | Cornelia Meier