Mit dem Aussterben indigener Sprachen geht auch Wissen über Heilmittel verloren

Im Amazonas-Regenwald werden bis zum Ende des 21. Jahrhunderts viele Sprachen aussterben. Foto: UZH/Rodrigo Cámara-Leret

Urvölker geben ihr Wissen über Heilpflanzen mündlich weiter. Sterben ihre indigenen Sprachen aus, gehen auch wertvolle medizinische Kenntnisse verloren. Eine Studie der Universität Zürich schätzt, dass weltweit 75 Prozent der Anwendungen jeweils in nur einer Sprache bekannt sind.

Indigene Gesellschaften beschreiben in ihrer jeweiligen Sprache die sie umgebende biologische Vielfalt. So werden auch Heilpflanzen benannt und als natürliche Apotheke nutzbar gemacht. Das Wissen, welche Pflanzen heilen und welche gefährlich sein können, wird so von Generation zu Generation weitergegeben.

Heute werden weltweit fast 7.400 verschiedene Sprachen gesprochen. Die meisten davon sind jedoch nicht schriftlich festgehalten und viele werden auch kaum mehr an die nächste Generation weitergegeben. Dies führt laut Schätzungen von Linguisten dazu, dass 30 Prozent aller Sprachen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts verschwunden sein werden. Indigene Kulturen, die ihr Wissen meist mündlich weitergeben, laufen somit Gefahr, dass ihre medizinischen Kenntnisse ebenfalls aussterben könnten.

Bedrohte Sprachen vermitteln einzigartiges Wissen

In einer neuen Studie analysierten PhD Rodrigo Cámara-Leret und Jordi Bascompte, Professor für Ökologie an der Universität Zürich, wie indigene Heilpflanzen-Kenntnisse mit den jeweiligen Muttersprachen verknüpft sind. Sie erforschten dazu die indigenen Sprachen Nordamerikas, aus dem nordwestlichen Amazonasgebiet und in Neuguinea. Die Forschenden untersuchten 3.597 Heilpflanzenarten und deren 12.495 Anwendungen in Verbindung mit 236 indigenen Sprachen. „Wir fanden heraus, dass über 75 Prozent der Verwendungszwecke von Arzneipflanzen jeweils nur in einem indigenen Volk – und daher nur in einer Sprache – bekannt sind“, erklärt Cámara-Leret.

Das Forschungsteam wollte weiterhin herausfinden, wie viel von diesem einzigartigen Wissen verloren gehen könnte, sollten entweder die Sprache oder die Pflanzen aussterben. Sie nutzten dazu zum einen den Glottolog-Katalog der Weltsprachen und zum anderen die Rote Liste der International Union for Conservation of Nature IUCN. Das Resultat: In Nordamerika und Amazonien werden über 86 Prozent des Wissens über Heilmittel jeweils nur in einer bedrohten indigenen Sprache vermittelt, in Neuguinea sind es 31 Prozent. Im Gegensatz dazu galten weniger als 5 Prozent der Heilpflanzenarten als unmittelbar bedroht.

Dokumentieren, bevor es zu spät ist

Die Studie zeigt, dass jede indigene Sprache einzigartiges Wissen über medizinische Heilpflanzen besitzt und damit auch Wissen über die biologische Vielfalt von einer Generation auf die andere weitergibt. Sterben Sprachen aus, geht das Wissen über die Wirkung von Heilpflanzen unwiederbringlich verloren, auch wenn die Pflanzen selbst nicht vom Aussterben bedroht sind.

Außerdem bestätigt die Studie, wie wichtig die für die nächsten zwei Jahre ausgerufene „Internationale Dekade der indigenen Sprachen“ ist. Die Vereinten Nationen möchten damit das weltweite Bewusstsein für die kritische Situation vieler indigener Sprachen schärfen. „Wir stimmen mit der Vision der UN überein. Es sollten mehr Ressourcen für die Erhaltung, Wiederbelebung und Förderung bedrohter Sprachen mobilisiert werden“, sagt Bascompte. Entscheidend wären, so die Forscher, groß angelegte, partizipative Projekte, um gefährdetes medizinisches Wissen zu dokumentieren, bevor es zu spät ist.

Originalpublikation
Rodrigo Cámara-Leret & Jordi Bascompte. Language extinction triggers the loss of unique medic-inal knowledge. Proceedings of the National Academy of Sciences USA. June 8, 2021. DOI: 10.1073/pnas.2103683118

 

Quelle: Universität Zürich/Cornelia Meier