„Wir müssen selbstbewusster werden“

Foto: podo deutschland

Seit 1. Juli 2021 gelten neue Honorare für Podo­loginnen und Podologen in Deutschland. Mit podo deutschland Präsidentin Ruth Trenkler hat DER FUSS über die neuen Preise, die Verhandlungen mit den Krankenkassen und die Bedeutung für Podologen und Podologinnen gesprochen.

Frau Trenkler, der GKV-Spitzenverband und die maßgeblichen Berufsverbände – darunter auch ­podo deutschland – haben neue Honorare verhandelt. In welchen Bereichen wurden Ihre Erwartungen erfüllt, wo mussten Sie Abstriche machen?
Ruth Trenkler: Als Richtwert hatten wir zu Beginn der Verhandlungen 50 Euro für eine podologische Komplexbehandlung mit einer Therapiezeit von mehr als 20 Minuten angepeilt, das ist uns nicht gelungen. Wir haben aber hart und zäh verhandelt und im Nachhinein betrachtet sind wir mit dem Ergebnis durchaus zufrieden.
 

Podologinnen und Podologen müssen mitziehen

 
Gegen unsere Preisvorstellung argumentierten die Krankenkassen, dass ein guter Teil der Podologinnen und Podologen für private Behandlungen sehr viel weniger verlangt. Und das, obwohl wir die Kolleginnen und Kollegen immer wieder dazu aufrufen, ihre Preise für Selbstzahler entsprechend anzupassen. Schließlich kann man von den Krankenkassen schlecht mehr verlangen, als man selbst den Privatpatienten und -patientinnen berechnet. Das ist schlicht unglaubwürdig. Wenn, wie wir argumentiert haben, unsere Kosten entsprechend hoch sind, müssen die Podologen und Podologinnen auch flächendeckend dementsprechende Preise verlangen. Hier müssen unsere Kolleginnen und Kolleginnen in ihrem eigenen Interesse endlich mitziehen.
 
Spielte auch die Wirtschaftlichkeitsanalyse ambulanter Therapiepraxen, das WAT-Gutachten, bei den Verhandlungen eine Rolle?
Ruth Trenkler: Das WAT-Gutachten ist aus Sicht der GKV nicht aussagekräftig, da sich – trotz intensiver Aufrufe aller Podologieverbände – kaum Podologen und Podologinnen daran beteiligt haben. So konnten keine verwertbaren Erkenntnisse für die Podologie erlangt werden.
 
Die neue Vergütungsvereinbarung sieht ein Stufenmodell vor. Können Sie es uns kurz beschreiben?
Ruth Trenkler: Das Modell, auf das wir uns verständigt haben, sieht insgesamt drei Stufen vor. Die erste Stufe ist bereits abgelaufen. Am 1. Juli ist nun die zweite Stufe mit einer aus unserer Sicht deutlichen Preiserhöhung in Kraft getreten. Ab dem 1. Juli 2022 sieht das Modell eine weitere Preiserhöhung vor. Sie erfolgt automatisch und muss nicht noch einmal gesondert verhandelt werden.
 
Warum haben Sie sich auf dieses Modell verständigt?
Ruth Trenkler: Das Stufenmodell war für uns eine Möglichkeit, zumindest schrittweise in die Nähe der von uns avisierten 50 Euro zu kommen.
 

Die neuen Preise gelten für jede Behandlung ab 1. Juli

  
Einige halten eine Festlegung der Preise über 2021 hinaus aufgrund der Unabsehbarkeit der Lage für zu verfrüht. Was ist Ihre Einschätzung?
Ruth Trenkler: Der Einwand ist aus meiner Sicht haltlos: Schließlich sind die Preise nicht für die nächsten 10 Jahre festgelegt und auch nicht starr. Es gibt jetzt jedes Jahr eine Preiserhöhung. Und nach 2022 werden wir dann wieder neu verhandeln.
 
Gelten die neuen Preise nur für HMV mit Erstbehandlungen ab dem 1. Juli oder ist auch ein Rezeptsplitting möglich?
Ruth Trenkler: Die neuen Preise gelten für ausnahmslos jede Behandlung ab 1. Juli, das konnten wir so verhandeln. Ein Rezeptsplitting ist also möglich – und auch erforderlich.
 
 
 
 
Nun, da die neuen Honorare feststehen: Was müssen Podologinnen und Podologen als Nächstes tun? Worauf sollten sie besonders achten?
Ruth Trenkler: Im Wesentlichen bleibt es wie immer: Wichtig ist eine transparente, ehrliche und vor allem korrekte Abrechnung. Im Zuge der Honoraranpassung sollten zudem auch die Preise für Selbstzahler angehoben werden.
 
Sie hatten die Preise für Selbstzahler zu Beginn schon einmal erwähnt. Warum sind Preisanpassungen hier so wichtig?
Ruth Trenkler: Wenn die Preise für Selbstzahler nicht entsprechend angepasst werden, ist es sinnlos, höhere Preise zu verhandeln. Dann argumentieren die Krankenkassen wie gehabt und sagen: „Ihr braucht ganz offensichtlich das Geld nicht, sonst würdet Ihr es auch privat verlangen.“ Und das zu Recht. Ich weiß, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen wichtig ist, zu helfen und für Menschen da zu sein. Das ist auch ein zentraler Bestandteil unseres Berufes. Nur darf dabei die Wirtschaftlichkeit nicht aus den Augen verloren werden. Wir sind keine Mutter Theresa und wir haben nichts zu verschenken. Wenn man hohe Qualität bieten, gute Löhne zahlen und den Beruf in seiner Gesamtheit attraktiver machen will, dann benötigt man hierzu ausreichend finanzielle Mittel. Viele Kolleginnen und Kollegen tun sich leider schwer mit der Betriebswirtschaft. Sie arbeiten fast umsonst, zahlen teils miserable Gehälter und wundern sich dann, dass sie auf keinen grünen Zweig kommen. Wir müssen selbstbewusster werden und einfordern, was uns zusteht. Jeder Podologe, der sich selbstständig macht, hat die Pflicht, sich auch über die Führung eines Betriebs und die entsprechende Preiskalkulation zu informieren. Als Verband stehen wir hier gerne beratend zur Seite. Das ist unsere Aufgabe.
 
Vielen Dank für das Gespräch!
 
Das Gespräch führte DER FUSS Redakteurin Cornelia Meier.
 
 
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