Mangelhafte Versorgung bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit

Viele Betroffene konsultieren keinen Gefäßspezialisten. Foto: WavebreakmediaMicro/AdobeStock

In Deutschland werden Patienten und Patientinnen mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) im ambulanten Sektor oft nicht entsprechend der Leitlinien behandelt und nur selten durch Gefäßspezialisten versorgt. Das zeigt eine Analyse der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Essen.

„Unsere Ergebnisse sind beunruhigend“, sagt Prof. Dr. Christos Rammos, Bereichsleiter und Oberarzt der Klinik für Kardiologie und Angiologie am Universitätsklinikum Essen. Die aktuelle Behandlungssituation der Patienten bezeichnet Rammos als schlecht: „Patienten mit PAVK sind in Deutschland unterversorgt. Die PAVK scheint das vergessene Kind der Herz- und Kreislaufmedizin zu sein.“ Während beispielsweise für Diabetes und die Koronare Herzkrankheit Disease-Management-Programme existieren, gäbe es bislang wenig Anstrengung, die Versorgung für PAVK-Patienten zu verbessern.

Diese Situation sei nicht akzeptabel – zumal die Zahl der Betroffenen kontinuierlich steige und die periphere arterielle Verschlusskrankheit schwere Folgeschäden verursachen könne, so Rammos. „Die PAVK kennzeichnet eine Hochrisiko-Situation, weil mit ihr auch ein hohes Risiko für Komorbiditäten und insbesondere für einen Herzinfarkt und Schlaganfall und damit eine hohe Sterblichkeit verbunden ist.“

Nur wenige Patienten und Patientinnen konsultieren Gefäßspezialisten

Nur wenige Betroffene konsultierten einen Gefäßspezialisten (Angiologen oder Gefäßchirurgen), der sich auf die Behandlung der PAVK spezialisiert hat. Während mehr als die Hälfte Kontakt zu einem Internisten hatte, wurde nur eine Minderheit von Gefäßspezialisten behandelt.

Obwohl der Nutzen von Medikamenten wie Statine und Plättchenhemmer sehr gut belegt ist und daher in den Leitlinien dringlich empfohlen wird, erhielten nur wenige PAVK-Patienten und -Patientinnen diese Medikamente. „In der Studie stellten wir zwar eine steigende, aber immer noch unzureichende Verschreibungshäufigkeit mit Statinen und Plättchenhemmern bei PAVK fest. Nur etwa die Hälfte bekam diese Medikamente“, erklärt Rammos.

Wie viele der Verschreibungen dann auch tatsächlich eingelöst werden, hat eine Studie der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Münster (Erstautorin Dr. Katrin Gebauer) in der Region der kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) untersucht. „Unsere Analyse zeigt, dass die Rate der eingelösten Rezepte als Indikator für die Einnahme der beiden Medikamente sogar deutlich unter der Verschreibungsrate liegt“, sagt PD Dr. Nasser Malyar, Leiter der Sektion Angiologie am Universitätsklinikum Münster. Von den rund 240.000 PAVK-Patienten und -Patientinnen erhielten weniger als ein Drittel jeweils ein Statin und einen Plättchenhemmer; fast die Hälfte erhielt keine der beiden Substanzen. Im Kern würden die Studien zeigen, dass die notwendigen Medikamente zu wenig verschrieben und sogar noch weniger eingenommen werden, als es nötig ist.

Notwendig sein ein Umdenken in der Bevölkerung, Politik und in der Medizin. Die Versorgung der Patienten und Patientinnen mit PAVK müsse verbessert und ihre Behandlung den Leitlinien entsprechen.

Ursachenforschung und Strategien notwendig

„Die Versorgungslage der PAVK-Patienten hinsichtlich einer leitliniengerechten Sekundärprävention in Deutschland ist weiterhin mangelhaft. Eine auf die Ursachen fokussierte Forschung ist notwendig, um die Gründe für die unzureichende Umsetzung der evidenzbasierten Empfehlungen zu identifizieren. Zudem müssen Strategien entwickelt werden, um das volle protektive Potenzial einer leitliniengerechten medikamentösen Therapie auszuschöpfen und damit die Gesamtprognose der PAVK-Patienten hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse zu verbessern“, betonen Prof. Rammos und PD Dr. Malyar.

Auswertung von über 70 Millionen Patientendaten pro Jahr

Im Rahmen der Untersuchung wurden die „ambulanten Falldaten“ aller gesetzlich versicherten Patienten und Patientinnen im Zeitraum von 2009 bis 2018 ausgewertet. Das heißt: Alle Personen, die sich im Laufe dieser zehn Jahre in einer Arztpraxis behandeln ließen, sind erfasst. Das waren im Jahr 2009 knapp 70 Millionen Menschen und damit 87 Prozent der deutschen Bevölkerung, im Jahr 2018 waren es über 72 Millionen Bundesbürger und -bürgerinnen. Insgesamt über 700 Millionen Patientendaten ausgewertet.

Die Prävalenz – also der Anteil der Personen mit einer PAVK an der Gesamtzahl der Erkrankten – stieg von 1,85 Prozent im Jahr 2009 auf 3,14 Prozent im Jahr 2018. Somit litten im Jahr 2018 2,27 Millionen Personen in Deutschland an einer PAVK. Das ist jeder Vierte der über 75-Jährigen. Die tatsächliche Zahl der Menschen mit PAVK in Deutschland ist aufgrund der hohen Dunkelziffer jedoch sehr wahrscheinlich viel höher als die vorliegenden Analysen zeigen.

 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Angiologie - Gesellschaft für Gefäßmedizin e. V./Cornelia Meier