Was Pilzinfektionen für COVID-19-Erkrankte gefährlich macht

Darstellung Coronavirus
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Kaum ein anderes Land ist von der COVID-19-Pandemie so getroffen worden wie Indien. Zwar gehen auch dort aktuell die Neuinfektionen zurück, gleichzeitig breiten sich neue, hochansteckende Varianten aus. Hinzukommt: Viele indische COVID-19-Patienten erkranken an einer oft tödlichen Pilzinfektion. Was es mit dem „Schwarzen Pilz“, der Mukormykose, auf sich hat, erklärt Prof. Dr. Jörg Steinmann, Ärztlicher Leiter der Klinikhygiene in Nürnberg.

Sie sind nicht nur Experte für Infektiologie, Mikrobiologie und Klinikhygiene – sondern zudem ein ausgewiesener Fachmann für Mykologie. Woran forschen Sie aktuell?
Jörg Steinmann: Ich beschäftige mich vor allem mit Resistenzen von humanpathogenen Pilzen gegenüber Medikamenten und arbeite an Projekten zur schnelleren und verbesserten Diagnostik von Pilzinfektionen. Zurzeit erforschen wir, wie man Schimmelpilze daran hindern kann, sogenannte Biofilme zu bilden – hauchdünne Schleimschichten, die einen exzellenten Schutz vor Antimykotika ermöglichen. Wir erhoffen uns dadurch neue therapeutische Ansätze.

Welche Formen von Pilzerkrankungen gibt es?
Steinmann: Am häufigsten sind Haut- und Schleimhautmykosen, die in der Regel harmlos verlaufen. Personen mit Risikofaktoren für systemische Pilzinfektionen sind hauptsächlich Patienten mit Immundefekten, aber auch Patienten mit Diabetes oder chronischen Lungenerkrankungen. Auch größere operative Eingriffe bergen ein Risiko – und natürlich sind Intensiv-Patienten mit viralen Infektionen durch Influenza oder COVID-19 besonders gefährdet.

Aktuell machen Schlagzeilen von sogenannten „Killer-Pilzen“ die Runde – die Mukormykose, die geschwächte COVID-19-Patienten befällt. Der sogenannte Schwarze Pilz ist in Indien, in Chile und in Uruguay nachwiesen worden. Kommt eine neue Seuche auf uns zu?
Steinmann: Eine Mukormykose wird durch Fadenpilze der Ordnung Mucorales verursacht. Besonders gefährdet sind abwehrgeschwächte Patienten und Diabetiker. Bei den COVID-19 Patienten ist die Lunge schwer beeinträchtigt, und es werden häufig Kortisonpräparate verabreicht. Dies sind Risikofaktoren für eine Mukormykose. Diese Pilze fühlen sich zum Glück in wärmeren Ländern wie Indien oder Chile deutlich wohler als bei uns in Mitteleuropa.“

Warum ist eine Mukormykose so verheerend?
Steinmann: Nach der Inhalation der Sporen wächst der Pilz invasiv lokal in das Gewebe ein. Der Pilz frisst sich durch die Haut, er zerstört Muskeln und manchmal sogar auch die Knochen. Verschiedene Virulenzfaktoren sorgen für den Zelltod des Gewebes und der Immunzellen – welches sich als „schwarz“ imponierende Nekrose darstellt; der Nasen- und Rachenraum färbt sich schwarz. Bei Patienten mit einem stark geschwächten Immunsystem kann es dann zu Streuung kommen und alle Organe befallen.

Neben dem schwarzen Pilz ist auch ein gelber Pilz aufgetaucht: Mucor septicus – eine Pilzerkrankung, die bislang nur bei Reptilien zu finden war. Von Tier auf Mensch – sind Pilze und Viren hier vergleichbar?
Steinmann: Bei der Übertragung von Erregern von Tier auf Mensch spricht man von einer Zoonose. Bei Pilzen sind Übertragungen von Hautpilzen durch Haustiere wie Meerschweinchen oder Zwergkaninchen allgemein bekannt. Das gibt es auch bei selteneren Schimmelpilzen. Pilzinfektionen gibt es auch nach Verletzungen, Traumata oder Beinahe-Ertrinken.

Gibt es Medikamente oder vorbeugende Maßnahmen?
Ja, es gibt sogenannte Antimykotika. Wenn möglich, sollten die befallen Gewebe und Organe operativ vom Pilzbefall befreit werden, was in vielen Fällen nicht möglich ist. Medikamentös wird teilweise eine Kombinationstherapie verabreicht, die jedoch Nebenwirkungen verursachen kann. Trotz chirurgischer und medikamentöser Therapie liegt die Letalität – natürlich in Abhängigkeit von der zugrunde liegenden Erkrankung – leider bei rund 40- 80 Prozent.

 

Quelle: Paracelsus Medizinische Privatuniversität Nürnberg/Cornelia Meier