Knochenarbeit der Evolution

Warum gehen Menschen aufrecht? Und wie ist es dazu gekommen? Der Blick auf die Evolution der Füße ist zur Rekonstruktion der Evolution des Menschen, aber auch für ein besseres ­Verständnis der Biomechanik von Fuß und Körper hilfreich, meint Nike Breyer und macht den Leser mit einigen ­markanten prähistorischen Funden von Fußspuren und Fußknochen als fossilen Datenträgern bekannt.

Der aufrechte Gang ist eine erstaunliche Art der Fortbewegung”, brachte es Jeremy DeSilva, amerikanischer Paläoanthropologe an der Universität Boston Massachusetts auf den Punkt. „Wenn man sich in der Tierwelt umschaut”, so DeSilva weiter, „sind die Arten der Fortbewegung außerordentlich vielfältig. Es gibt Tiere, die fliegen und solche, die schwimmen. Gehen auf zwei Beinen ist die absolute Ausnahme. Kein anderer Vertreter unter den Primaten tut es.”[1] Und genau darum interessiere er sich für die Frage, wie sich dieser aufrechte Gang evolutionär entwickelt habe. Man muss DeSilva nun bei seiner weiteren Konzentration auf den Mittelfuß, den er bei zeitgenössischen Schimpansen (flexibel) und beim modernen Mensch (stabil) erforscht, nicht unbedingt folgen, um seiner Betonung der Besonderheit, ja Rätselhaftigkeit der Bipedie und seiner Aufforderung, diese zu erforschen, gerne zuzustimmen. Doch während die evolutionäre Entwicklung unseres Körpers in den letzten Jahren immer mehr Wissenschaftler in ihren Bann zu ziehen vermag, fand der Fuß trotz seiner eminenten Bedeutung für die Entstehung des aufrechten Gangs – und für die Entstehung des Menschen – noch vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Doch das könnte sich jetzt ändern. Erst letztes Frühjahr wurde der ­spanische Nachwuchs-Paläontologe Dr. Adrian Pablos von der Universität de Alcala in Madrid für seine „paläobiologische und morphologische Studie von Fußknochen in der menschlichen Evolution“ von der Universität Tübingen mit einem Förderpreis ausgezeichnet, für die er die Funde aus der berühmten Sierra de Atapuerca nahe Burgos in Nordspanien, die eine der weltweit größten eiszeitlichen Fundstätten darstellt, ausgewertet hatte. Neben Werkzeugen aus verschiedenen Entwicklungsstufen der Menschheit wurden hier auch fossile Knochen – darunter auch Fußknochen – mit einem Alter von bis zu 800000 Jahren geborgen. Von diesen hat Pablos mehrere Hunderte dokumentiert und analysiert. Gerade die häufig kaum beachteten Fußknochen könnten jedoch zum Verständnis der menschlichen Entwicklung maßgeblich beitragen, betonte Professorin Katerina Harvati vom „Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment (HEP)“ an der Universität Tübingen anlässlich der Prämierung. Man dürfe davon ausgehen, dass Pablos' Arbeit in Zukunft zu einer wichtigen Referenz für Paläoanthropologen weltweit werde.  


Ein fossiler Fuß überrascht die Forschung
Eine stärkere Fokussierung auf den Fuß als Studienobjekt für die Paläoanthropologie war tatsächlich überfällig. Denn gerade in den letzten Jahrzehnten haben nicht nur spektakuläre Kiefer- und Schädelfunde, sondern immer wieder auch Funde fossiler Fußknochen und versteinerter Fußspuren den Blick auf dieses Körperteil gelenkt. Nicht selten mussten dabei als gesichert geltende Vorstellungen, etwa von der mehr oder weniger geradlinigen evolutionären Entwicklung des aufrechten Ganges, korrigiert werden. Das konnte man erst vor einigen Jahren wieder erleben, als eine Forschergruppe um den äthiopischen Archäologen Yohannis Haile-Selassi in Burtele in der fossilreichen Afar-Region Äthiopiens auf 3,4 Millionen Jahre alte versteinerte Fuß-Knochen stieß, die nach ihrer Veröffentlichung im Nature-Magazin März 2012 [2] in der internationalen Forschergemeinde allgemeines Erstaunen auslösten. Die gefundenen acht Knochen ließen nämlich eine Fußarchitektur erkennen, mit der für diese Zeit in Äthiopien niemand mehr gerechnet hätte. Am markantesten war der Hallux-Knochen, der – wie die Untersuchung der Gelenkkontakte ergab – nicht parallel zu den anderen Zehen ausgerichtet war, sondern weit opponierbar. Außerdem fehlte ein Fußgewölbe. Zusammen mit der leich-ten Krümmung der Mittelfußknochen ähnelt der Fuß damit eher den Kletterfüßen heutiger Menschenaffen. Trotz gewisser moderner Elemente war er anatomisch nicht für ständiges Aufrechtgehen optimiert. Eine derartige Anpassung an das Klettern, bei zugleich ansatzhafter Anpassung an bipede, beziehungsweise zweibeinige Fortbewegung, wurde in dieser Kombination jedoch für evolutionär deutlich ältere Hominiden beobachtet, etwa Ardipithecus ramidus. Die ­Skelett-Fragmente von Ardi, so der Spitzname des Fossils, (Abb. 3), die 1992 entdeckt wurden, sind immerhin 4,4 Millionen Jahre alt. Weitere Artgenossen und ähnlich ursprüngliche Spezies hatte man für die Zeit vor 3,4 Millionen Jahren eigentlich für ausgestorben gehalten – bis der gleichalte Burtele-Fuß, der bisher weder einer Art noch einer Gattung zugeordnet wurde, diese Theorie über den Haufen warf.  


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