Der menschliche Fuß und sein Bindegewebe

Der Begriff „Faszie“ wird neuerdings sowohl in der Forschung als auch im Sprachgebrauch von ­Medizinern, Physiotherapeuten, Osteopathen und Fitnesstrainern nicht selten synonym mit – oft sogar anstelle – von „Bindegewebe“ verwendet. Diese schleichende Umbenennung wird dem hochspezialisierten Bindegewebs­system unseres Körpers jedoch nicht gerecht. Zum einen wird mit „Faszie“ seit langem eine spezielle Form des faserreichen Bindegewebes bezeichnet. Zum anderen drückt „Bindegewebe“ seit mehr als 100 Jahren bezeichnenderweise viel treffender aus, was dieses Gewebe neben anderen Eigenschaften für uns alle so faszinierend macht: Es „verbindet“ verschiedenste Strukturen und Regionen des gesamten Körpers über scheinbare Grenzen hinweg. Prof. Axel Brehmer zeigt dies am Beispiel des menschlichen Fußes.

Neben Epithel-, Muskel- und Nervengewebe kennzeichnet der Sammelbegriff „Bindegewebe“ eines der vier Grundgewebe in unserem Körper. Dessen Urform ist das noch undifferenzierte embryonale Bindegewebe (Mesenchym). Es zeigt zwischen den embryonalen Bindegewebszellen reichlich Interzellularraum (auch Extrazellularraum genannt), der zunächst „nur“ mit Flüssigkeit (Grundsubstanz) gefüllt ist. In ausgereiften Binde- und Stützgeweben (unter anderem Bänder, Sehnen, Faszien, Knorpel, Knochen) hingegen haben die Bindegewebszellen diesen Raum mit solchen Strukturen (Extra­zelluläre Matrix) gefüllt, die ihren Gewebebezirk auf jeweils geeignete Weise widerstandsfähig gegenüber der ortsty­pischen mechanischen Beanspruchung machen. Erster und immer wichtiger Bestandteil dieser extrazellulären Strukturen sind, vereinfacht ausgedrückt, Bindegewebsfasern (siehe unten).

Zugkräfte und Bindegewebsfasern
Wirken auf einen (embryonalen Bindegewebs-)Körper deformierende Kräfte ein, werden diese innerhalb des Körpers als Druck (Kompression) und, senkrecht dazu, als Zug (Dehnung) wirksam. [Auf die Darstellung einer weiteren möglichen Komponente, Schub oder Scherung genannt, wird hier verzichtet.] Für die Aufnahme und Fortleitung von Druckkräften sind vor allem die aus Bindegewebe hervorgehenden Stützgewebe Knorpel und Knochen zuständig. Zugkräfte können die Differenzierung von embryonalen Bindegewebszellen zu faser­bildenden Zellen, Fibroblasten, stimulieren. Diese „Faserbildner“ produzieren Proteine, wie zum Beispiel Tropokollagen, die in den Interzellularraum ausgeschieden und dort über Zwischen­stufen zu Kollagenfibrillen zusammengesetzt werden. Dies sind fadenförmige Gebilde, die akut kaum dehnbar sind (für die Vorstellung: Seile), sich von vornherein in Zugrichtung anordnen und so der Dehnung des Gewebebezirks Widerstand entgegensetzen (Kummer 2005). Kollagenfasern sind teils mächtige Bündel solcher Kollagenfibrillen, die in verschiedenen Bindegeweben aus verschiedenen biochemischen Kollagen-
Typen bestehen (Typ I: Sehnen, Bänder, Faszien, Knochen; Typ II: Knorpel; Typ III entspricht den retikulären Fasern, zum Beispiel im Endomysium von Muskeln; etc.). Elastische Fasern sind im Gegensatz zu kollagenen Fasern auf mehr als das Doppelte ihrer Ausgangslänge reversibel dehn­bar (für die Vorstellung: Gummi­bänder).Beide Haupttypen von Bindegewebsfasern kommen zumeist gemischt vor, oft überwiegen die kollagenen Fasern (zum Beispiel in Faszien), in manchen Fällen die elastischen (siehe unten).

Lockeres Bindegewebe
Diese Bindegewebsform füllt in vielen Regionen des Körpers sowohl makroskopische als auch mikroskopische Lücken und Verschiebespalten zwischen Organen und sonstigen Strukturen aus. Sie „verbindet“ auch benachbar-
te Schichten strafferen Bindegewebes ­(siehe unten) und ermöglicht deren Verschiebung gegen­einander. Lockeres Bindegewebe enthält neben den obliga­-torischen ortsständigen (fixen) Bindegewebszellen (Fibroblasten) auch viele freie Zellen im Dienst der Körperabwehr (zum Beispiel Mastzellen, weiße Blutzellen sowie deren Abkömmlinge Plasmazellen und Makrophagen), die in entzündetem Gewebe vermehrt sind. Im Interzellularraum des lockeren Bindegewebes kommen kollagene und elastische Fasern vor, jedoch auch reichlich extrazelluläre (sogenannte interstitielle) Flüssigkeit, in der die freien Zellen „frei beweglich“ sind (Lüllmann-Rauch 2006).

Faserreiche Bindegewebe und Nomenklatur
In faserreichen Bindegeweben ist der oben erwähnte Interzellularraum weit überwiegend mit (kollagenen und elas­tischen) Bindegewebsfasern gefüllt. Die Fibroblasten, die nach Ende der aktiven Synthesephase der Fasern auch Fibrozyten genannt werden, liegen verteilt zwischen den Faserbündeln. Deren räum­liche Anordnung spiegelt vor allem die Richtung der einwirkenden Zugkräfte wider und ist schon in der klassischen Anatomie mit Grundlage für die noch heute übliche Benennung verschiedener Bindegewebsformationen (Benjamin 2009; Langevin, Huijing 2009) gewesen.Der Anatomie als ältestem Grundlagenfach der (Human)Medizin oblag und obliegt die Namensgebung der biologischen Strukturen des menschlichen Körpers. Ohne ein konsistentes Begriffs­system ist missverständnisarme Kommunikation unmöglich, deshalb ist diese Aufgabe der Anatomie, nämlich als „Klammer“ zwischen den Jargons der vielen medizinischen Spezialgebiete zu wirken, kaum zu überschätzen. Die Terminologia Anatomica (TA; 1998) ist eine über 150-seitige tabellarische Auflis­tung anatomischer Begriffe. Sie stellt den jüngsten Kompromiss dar,
historisch gewachsene Unterschiede der Benennungskulturen verschiedener nationaler und internationaler anatomischer Gesellschaften unter einen Hut zu bringen. Ziel ihrer Autoren war es, jeder Struktur im menschlichen Körper einen Namen zu geben und zu verhindern, dass mit ein und demselben Namen mehrere verschiedene Strukturen bezeichnet werden. Man kann die Unvollkommenheit der aktuellen TA be­mängeln, eine andere Basis für eine einheitliche medizinische Fachsprache gibt es jedoch nicht. Der Begriff „Faszie“ (lat. fascia: Binde, Band, Gurt) ist einer der ganz wenigen, die in der TA mit einem (noch dazu langen) Kommentar versehen sind. Dieser lässt erahnen, wie schwer sich die Autoren vor allem hier mit einer Einigung getan haben. Die folgende Beschreibung versucht, den Erfordernissen der nachfolgenden Kapitel gemäß, diesen Begriff einzugrenzen.

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