Evidenzbasierte Medizin hat sich noch lange nicht durchgesetzt


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„Evidenzbasierung und damit wissenschaftliche Erkenntnisse sind – auch laut Gesetz – einer der Grundpfeiler unseres Gesundheitssystems“, so der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Jürgen Windeler, im neuen Jahresbericht 2016 des Instituts. In ihm geht er auch auf Angriffe gegen wissenschaftliche Standards in der ein: „Gerade in jüngerer Zeit mussten wir erneut Grundsatzdiskussionen führen: Sie legen den Schluss nahe, dass die evidenzbasierte Medizin, die Basis unserer Methoden, weit davon entfernt ist, sich durchzusetzen“, so der IQWiG-Leiter. Ergebnisse der IQWiG-Arbeit würden zwar hoch geschätzt und gewürdigt, wenn sie zur jeweiligen Interessenlage passten. Sei dies nicht der Fall, würde dem Institut aber oft schnell „methodischer Rigorismus“ vorgeworfen.

„Dann sind wir mit der Forderung konfrontiert, kleine und kleinste Fallserien als ‚bestverfügbare Evidenz’heranzuziehen“, so Windeler. Kritiker behaupteten dann schnell, das IQWiG bestehe nur aus bürokratischer Spitzfindigkeit auf gut geplanten, sauber durchgefuührten, hinreichend großen, nicht verzerrungsanfälligen und transparent dokumentierten Studien.
„Aber dies ist internationaler wissenschaftlicher Standard. Anders lässt sich der Nutzen und Schaden nicht beurteilen – und erst recht nicht Patienten für eine informierte Entscheidung vermitteln“, betont der IQWiG-Leiter. Das Institut müsse daher seine wissenschaftlich etablierten Standards immer wieder neu verteidigen – nicht nur gegenu?ber der Industrie, sondern auch gegenüber der Selbstverwaltung und der Politik, so Windeler.


Seit Sommer 2016 können Bürger beim IQWiG außerdem offene medizinische Fragen für eine wissenschaftliche Prüfung vorschlagen. Das Auswahlverfahren und die Bearbeitung der Fragen stellt der Jahresbericht vor. Zudem geben die IQWiG-Wissenschaftler auf 54 Seiten einen Überblick über das vergangene Arbeitsjahr.